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Woher kommen die Ideen?
Im Zusammenhang von Kommunikation und Vernetzung stelle ich in diesem Beitrag das Suchen nach Antworten im Dialog ins Zentrum. Antworten auf eine Frage im Gespräch erschliessen, ist in meinem beruflichen Kontext eine mir wesentliche Herangehensweise, um etwas zu Ergründen.
Woher kommen die Ideen? Für die Gestaltung von Welt eine interessante, grundlegende Frage. Als Kunstschaffende und Dozent:innen der Pädagogischen Hochschule St. Gallen interessiert uns der Ursprung von Ideen in Bezug auf die Bildung und die eigene künstlerische Arbeit. Zeit also, Erfahrungen zu reflektieren und Möglichkeiten für gezielte Lernerfahrungen anzuregen. Eine gemeinsame Spurensuche zwischen Regula Pöhl und Daniel Schuoler.

Regula Pöhl: Auf die Frage woher kommen die Ideen fällt mir eine Antwort einer Schülerin aus der 5. Klasse ein. Laut ihrer Vorstellung wird alles was man wahrnimmt, gefiltert und über die Gefühle gesteuert an unterschiedlichen Orten im Gehirn abgespeichert. Unter anderem befindet sich im Kopf ein Lagerraum für Ideen und ein Phantasieraum. Eine komplexe, aufschlussreiche Vorstellung, welche ich gut nachvollziehen kann. Ein Denkprozess, welcher von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Ausgehend von der Wahrnehmung der eigenen Lebenswelt.
Wie sieht es bei deiner Arbeit als Künstler aus? Woher kommen deine Ideen?
Daniel Schuoler: Am Anfang steht die Wahrnehmung und damit die Ästhetische Erfahrung. Ich nehme mit meinen Sinnen wahr und beginne zu verknüpfen und zu vernetzen. Es braucht eine Frage, ein «Problem». Auf jeden Fall ist eine Idee zuerst immer eine Vorstellung, also Imagination. In die Imagination gelangen sie aus einer Mischung aus Wahrnehmung, Erfahrung und Intuition. So entsteht für mich eine Situation aus Beweglichkeit und Flexibilität, dazu braucht es Risikobereitschaft.
Regula Pöhl: Eine Idee haben, ist ja erst der Anfang oder zumindest nur ein Teil davon. Wie entwickelt sich bei dir die Arbeit zu einem Werk? Gibt es da Parallelen zur Unterrichtstätigkeit?
Daniel Schuoler: Ja, da tauchen Parallelen in den Prozessen auf. In meiner künstlerischen Arbeit gibt es bestimmte Phänomene, die mich beschäftigen, die ich versuche zu bearbeiten. Ich lese viel, mache mir daraus Gedanken und aus den Gedanken Notizen. Dann beobachte ich, pflege einen eigenen Blick. Die Beobachtungen halte ich oft fotografisch oder als Skizze fest. Es sind dann Impulse aus meinen Beobachtungen, die mich «ästhetisch reizen». Also steht auch hier zu Beginn eine Frage, eine Herausforderung. Ich gehe also bereits von einer eingegrenzten Situation – einem Thema – aus. Meistens muss ich dann während des Prozesses weiter ausdehnen und dann wieder eingrenzen, konkretisieren, auf den Punkt bringen. Irgendwo da, entwickelt sich die «Idee». Beim Unterrichten muss ich mir auch überlegen, bzw. herausfinden, wo die Personen stehen, mit denen ich arbeite. Welchen Impuls kann ich geben, so, dass Sie sich individuell entwickeln können? Man sollte immer mit dem Eigenen andocken – und dann bestenfalls daraus neue Fragen generieren – können.
Du arbeitest unter dem Namen «ZündWerk»; wo oder wann würdest du sagen, entsteht die Idee? Wo oder wann zündet es?
Regula Pöhl: Es zündet bei mir dann, wenn Resonanz entsteht zwischen der Beobachtung, der aufmerksamen Wahrnehmung des Alltags und der eigenen Imagination. Dies ist ein andauerndes Wechselspiel. Eine Annäherung an eine Idee, welche bei genügender Resonanz zu einem Projekt wird, das wir planen und umsetzen. Wir arbeiten zu zweit und inszenieren Denk- und Handlungsräume, welche Interaktionen mit den Betrachtenden herausfordern. Die Aktionen sind flüchtig, situiert im Alltag, zwischen Irritation und Normalität.
In meiner Arbeit als Kunstschaffende kann ich die Auseinandersetzung mit dem Ungewissen und die Bereitschaft fürs Risiko üben. Beides nicht zu unterschätzende Bestandteile des Unterrichtens. So sehe ich die Aufgabe der Didaktik im Gestaltungsbereich auch in der Vorbereitung darauf, sich auf all die kleinen, ungewissen Reaktionen und Situationen im Unterrichtsgeschehen einzulassen um diese für eine positive, bestärkende Lernatmosphäre zu nutzen. Wieso sollte man sich auf den Umgang mit dem Unplanbaren im Unterricht nicht ebenso gut vorbereiten, wie auf die Vermittlung der Inhalte? Aus meiner Sicht bereiten Gestaltungsprozesse auf Unbekanntes, Ungewisses vor. Man übt darin Neues zu wagen, eigene Lösungswege zu bestreiten und den Umgang mit Un-Linearität.
Daniel Schuoler: Ja, ich denke auch, dass Kreativität gefragt ist, wenn Unvorhergesehenes auftaucht; und das tut es ja immer. Der schwierige Teil ist der, der eben nicht vorbereitet werden kann. Klar muss man wissen, was man machen möchte, wohin man will, aber das Risiko des eigentlichen Ereignisses des Unterrichts, die Begegnung, Aktion, Handlung, bleibt. Lernen ist meiner Ansicht nach auch das, was dazwischen passiert, dies ist nicht planbar, da muss man bereit sein. Ich finde aus der Praxis abgeleitete Modelle immer ein wertvolles Hilfsmittel, wenn es um Planungen von Lernprozessen geht. Modelle die einem durch ihre Struktur die richtigen Fragen stellen. An der PHSG arbeiten wir mit einem Phasenmodell, welches einen Aufbau bietet, aus einer Idee eine ganze Unterrichtsreihe mit Kompetenzaufbau zu konzipieren. Wir gehen von vier Phasen aus: in der Phase 1 wird das Vorwissen aktiviert und das Interesse für das Thema geweckt, in der Phase 2 werden die Kompetenzen aufgebaut, die noch zu den bereits vorhandenen nötig sind, um in der nächsten Phase möglichst selbstständig eine Entwickelnde Aufgabenstellung zu bearbeiten. Dies ist dann eine Fragestellung, die individuell, mit den aufgebauten Kompetenzen umgesetzt werden kann. In der vierten Phase werden die Prozesse analysiert und die Erkenntnisse und Erfahrungen ausgetauscht.
Regula Pöhl: Auch hier ist die Vorstellungsbildung zentral. Meine Idee davon, wie etwas aussehen soll oder wie es sich anfühlen soll, ist Treiber für meine Handlungen. Für das was ich mit meinem Verhalten zeige. Diesen Treiber beobachte ich auch bei den Kindern im Unterricht, wenn sie bei einem Gestaltungsprozess einer inneren Spur folgen.
Daniel Schuoler: Das heisst, im Zentrum steht also eine herausfordernde Frage, die mich fantasieren und mich etwas vorstellen lässt.
Wie kommt man auf konkrete Ideen für herausfordernde Fragestellungen im Unterricht?
Regula Pöhl: Die Inspirationen und Ideen dazu kommen bestenfalls aus dem Alltag, aus Bedürfnissen und Themen, welche sich zeigen. Der Lehrplan mit seinen Themenfeldern bildet die Orientierung. Wichtig dabei ist die konkrete Aufgabenstellung, welche einen individuellen Zugang und eine eigengestalterische Umsetzung ermöglichen soll. Es gilt dabei die Balance zu finden zwischen abgesteckten Rahmenbedingungen und Offenheit. Es werden Bedingungen für Möglichkeiten geschaffen. Nehmen wir das Beispiel der Aufgabe Papierstreifen/Dachlatte. Durch klare Bedingungen entsteht die Aufforderung eigene Lösungen und Ideen zu generieren und die Offenheit für individuelle Zugänge.
Papier 80x420mm Papierstreifen Möglichst das ganze Papier soll verwendet werden. Das Tier soll deutlich erkennbar sein. Möglichkeiten sehen, Lösungsvarianten ausdenken, sich etwas vorstellen, von der Fläche in den Raum, Dimension auflösen, transformieren. Dachlatte 25x55x620 Fichte, gehobelt, keilverzinkt Bearbeitung nur mit Handwerkzeugen. Latte sägen, spalten, Form verändern durch raspeln, feilen, schleifen und durch anwenden von Holzverbindungen neu kombinieren. Lösungsvariante ausdenken, sich etwas vorstellen, teilen und neu zusammensetzen, formen, Dimension transformieren.

Foto Daniel Schuoler, Umsetzung von Studierenden der PH St. Gallen